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Heute ist Moorfleet den meisten Menschen wohl eher durch einen Einkauf bei IKEA bekannt. Das geht von der Autobahn schnell hin und auch wieder weg. Dabei lohnt sich ein Abstecher - die Sandwisch hinunter - in den alten Dorfkern hinein zur St. Nikolaikirche im Moorfleeter Kirchenweg nun wirklich. Es ist ein Weg, der direkt zu einem Stück Hamburger Kirchen- bzw. Reformationsgeschichte führt. Das liegt nicht nur daran, dass hier seit 1966 das Lutherdenkmal des Berliner Künstlers Harro Magnussen steht. Dieses  gehörte ursprünglich zur Lutherkirche an der Karpfangerstraße, die 1906 eingeweiht und  1943/44 durch Bomben zerstört wurde.

 

Das Messingguß-Standbild zeigt Luther fast in Überlebensgröße. Im Hintergrund ist die Kirchentür der Schloßkirche in Wittenberg zu erkennen. Luther hält den Hammer in der rechten und seine 95 Thesen in der linken Hand. Er ist bereit. Bereit seine Kritik am Ablasswesen und am Papsttum zu veröffentlichen. Seine Bewegung und seine Entschlossenheit sind erkennbar. Aber ein bisschen versteckt ist dieser Luther schon. Er steht hinter einer Hecke unter einem Baum zwischen dem Gemeindehaus und der Kirche. Der Sockel aus roten Ziegelsteinen hat ein paar Risse bekommen und das Messing ist mit Patina belegt. Seiner Ausdruckskraft hat das nicht geschadet!

 

Als Reformator hat Martin Luther etwas in Bewegung gesetzt und die Kirche verändert. Und gerade hier in Moorfleet hat es Menschen gegeben, die den Weg der Veränderung ebenso beschritten haben. Menschen, die Notwendigkeiten erkannt haben und Not wenden wollten. Hier wurde Johann Wilhem Rautenberg (1791-1865) am 1. März 1791 geboren. Geprägt von Schleiermacher und Neander gründete er zusammen mit Johann Gerhard Oncken 1825 eine Sonntagsschule in Hamburg-St. Georg. Arme Kinder sollten Lesen und Schreiben lernen und eine christliche Erziehung bekommen. 1832 wurde Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der spätere Gründer des Rauhen Hauses, als Oberlehrer in der Nachfolge Onckens eingestellt.

 

Im Geburtshaus Rautenbergs und im Pastorat richtete Heinrich Matthias Sengelmann (1821-1899), der am 10. Juli 1846 seine erste Pfarrstelle in Moorfleet angetreten hatte, 1850 eine Arbeitsschule für Jungen ein. Im Dezember 1852 wurde er zum Diakon an St. Michaelis berufen. Da der Bedarf ein Plätzen immer größer wurde, kaufte Sengelmann ein Haus, das er St. Nikolaistift nannte. 1860 erwarb er dann ein Anwesen mit Wohnhaus, Scheunen und Land in Alsterdorf, wo ab 1863 auch sogenannte „Idioten“ aufgenommen wurden. Für diese wurde ein Neubau errichtet. Die Arbeitsschule siedelte von Moorfleet nach Alsterdorf über. 1866 wurde Sengelmann auf eigenen Wunsch als Diakon in St. Michaelis entlassen, um sich ganz auf Alsterdorf konzentrieren zu können.

Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man den Beginn der Hamburger Diakonie hier in Moorfleet verortet. Hier, am Grab der Familie Sengelmann, wird man anschaulich darauf aufmerksam gemacht.

 

Aber auch in der St. Nikolaikirche gibt es vieles zu entdecken. Neben all der alten reichen Kunst, sind zwei Dinge in Beziehung zu Luther und seiner reformatorischen Theologie beachtlich: Ein Beichtstuhl und ein Tabernakel! Die St. Nikolaikirche ist wohl eine der wenigen Kirchen, die als Lutherische Kirche in Norddeutschland einen Beichtstuhl neu bekommen hat. Dieser wurde 1769 zur Zeit des Pastors J.C. Klefeker neu erbaut. Das zeigt, dass auch in Lutherischer Tradition die Ohrenbeichte durchaus noch praktiziert worden ist.

 

Michael Ostendorf

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