Der Gekreuzigte

„Der Gekreuzigte“

Berlin - East Side Gallery 

Januar 2020 - Handyfoto: Michael Ostendorf

Uns Kirch 47: Der Gekreuzigte

Kurz nach dem Jahreswechsel gab es für mich eine klitzekleine Pause und die Möglichkeit zu einem KURZ-Besuch in Berlin. 


Mal andere Luft schnuppern, mal etwas anderes sehen. Auf andere Gedanken kommen. Immerhin für einen Besuch (mit Führung) des Reichstagsgebäudes und einem Spaziergang an der Eastside-Gallery hat die Zeit gereicht. Und tatsächlich gab es viel Neues zu erfahren. 


Während der Führung durch das Reichstagsgebäude hatte ich doch das eine oder andere Aha-Erlebnis. So informativ, so interessant hat der Guide erzählt. Und einige Plakate, die auf eine Ausstellung im Reichstagsgebäude hingewiesen haben, zeigten Malereien eines KZ-Überlebenden, der seine Erfahrungen niedergemalt hat. Diese Ausstellung sollte jetzt, zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, eröffnet werden. Diese Plakate haben mich inne halten lassen. Bedrückend, real, eindrücklich und ungeschminkt wurde die Gewalt - wurde das Leid der Menschen gezeigt. 


Neben all den anderen Eindrücken hat mich das auf dem weiteren Spaziergang begleitet. Und in Berlin begegnet einem die Geschichte ja in den unterschiedlichsten Formen. Erinnerung an die Nazidiktatur. Erinnerung an die Deutsche Teilung und deren Überwindung. 


Ein solcher Ort ist die Eastside-Gallery an der Spree nahe des Bahnhofs Warschauerstraße. Etwas über ein Kilometer Mauer. Mauer, die 1989/90 mit Graffitis bemalt worden war. Mittlerweile wurden die Bilder erneuert und unter Denkmalschutz gestellt. Ein beeindruckendes Werk ganz unterschiedlicher Menschen. 


Und in all den bunten Darstellungen war plötzlich der gekreuzigte Jesus Christus zu entdecken. Ich musste ein paar Mal ganz genau hinsehen. Und dann erkannte ich immer mehr. Original ist er ungefähr so groß wie ein DinA4 Blatt. Und das in einem Bild, das bestimmt über 5 Meter groß gewesen ist. 


Diese Darstellung der Kreuzigung hat für mich vieles zum Ausdruck gebracht, was ich in Berlin erlebt hatte. Leid, Trauer, Buntheit, Leben! Das Bild gibt Hinweis auf die bevorstehende Passionszeit. Aber auch einen vorsichtigen Blick Richtung Ostern. 


Das Kreuz scheint in Bewegung. Voller Dynamik ist das Bild. Am Rand unten links die drei trauenden Frauen, die Jesus bis zuletzt gefolgt waren. Rechts scheinbar Finger, die Jesus halten wollen. Aber das Leichentuch weht aufwärts. Die Haare stehen zu Berge, werden gen Himmel gezogen. Das Holz des Kreuzes scheint mit Jesus fest umschlungen. Genau genommen sind Kreuz und Körper verschmolzen und werden dem weltlichen Zugriff entzogen. Die Gesichter nach unten gerichtet, blicken Jesus schon gar nicht mehr an. Kreise wie Wellen, Tropfen wie Feuer. Leben und Tod. 


Dieses Bild, dieser Jesus werden mich begleiten. Durch die Passionszeit hindurch zum Osterfest. Es läßt mich immer wieder neues entdecken und immer wieder neu begreifen, was es bedeutet, diesem Jesus Glauben zu schenken. Ich bin hineingenommen in die GÖTTliche Gegenwart, hineingezogen in den Moment, wo Himmel und Erde, Leid und Liebe zu kreuzen, wo Jesus zum Christus wird. 


Vielleicht entdecken Sie ja etwas ganz eigenes! Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passionszeit und ein fröhliches Osterfest. 


Ihr Michael Ostendorf

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