Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres: 08.11.2020

Livestream: 

Livestream: Nur die Ansprache

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres

08.11.2020 um 11 Uhr 

St.Nikolai Moorfleet 


Livestream über Facebook:

facebook.com/ostendorf.lieder 


Mit dabei:

Orgel: Claus Möller

Pastor: Michael Ostendorf


Liturgische Elemente:

Eingangsgebet, Psalm 85 EGE 74

Predigttext: 1.Thess.5,1-6(7-11)

Lied: Wir warten dein, o Gottes Sohn 152


1.Thess.5,1-11

5,1Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.



Für alle, die heute unter dem schlechten Ton zu leiden hatten, habe ich hier einmal die frei gehaltene Ansprache abgetippt. Vielleicht mag der eine oder die andere sie lesen. Liebe Grüße, Michael 


Ansprache am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres - 8.11.2020 in St.Nikolai Moorfleet


Dann kann es jetzt losgehen. Ne Musikunterbrechung ist nach so einem Text ja gar nicht so falsch. 


Ich hoffe nur, dass er nicht so weit nach hinten weggerutscht ist. Dieser Predigttext aus dem 1.Thessalonicherbrief. 


Man nimmt mit guten Gründen an, dass dieser Brief oder die Briefe an die Gemeinde in Thessaloniki die ältesten Schriften unseres Neuen Testamentes sind. Die Paulus geschrieben hat, um in Verbindung zu bleiben mit seiner Gemeinde, die er gegründet hat. Und diese Briefe, diese Korrespondenz, das sind die ältesten erhaltenen Schriften. 


Die Evangelien, die von Jesus berichten kommen gut 20, 30 bis 50 Jahre später. Und diese Briefe, die da am Anfang verschriftet worden sind, die haben oft eine Thema: Nämlich die Frage, wann ist es endlich soweit? 


Wann ist es endlich soweit mit dem Tag des Herrn? 

Wann kommt das neuanbrechende Reich Gottes? 


Paulus scheint sein Evangelium eng verknüpft zu haben mit der Predigt der Auferstehung, mit dem Tag, der da kommen soll, für alle, die da glauben. Dieser Tag, so sagte es Paulus, der ist schon so nahe, dass die Generation, die jetzt noch lebt, ihn lebend erleben würde. 


So war die Zeit voller Erwartung auf das Heilshandeln Gottes. Und die Leute konnten das nicht abwarten. Am liebsten sofort. Leid gab es viel. Zank und Streit. Und das solle doch endlich gelöst werden. 


Und war da die Erwartung. Diese apokalyptische Naherwartung. Wir sitzen nun hier am, ist es der 7. oder der 8. November 2020. Seit dieser Zeit von damals bis heute, ist dieser Tag, so wie er erwartet wurde, nicht angebrochen. Oder? 


Wir erwarten oft! 


Und am Ende des Kirchenjahres da kommen diese großen Erwartungstexte. Die Zeit ist angebrochen. Es kommt der, der kommen soll. Und wir alle, groß und klein, wir leben in solchen Erwartungszusammenhängen. Bei meinen Kindern kann ich das immer ganz besonders gut erkennen, dass sie ihre Zeit irgendwie einteilen müssen. Die berechnen können müssen, was auf sie zukommt. 


Ich geb ein Beispiel:

Gestern war Badewanne angesagt. Und meine Tochter hat ja schöne lange Haare. Und dann werden die Haaren gewaschen. Früher war das ja eine Tortour. Mittlerweile geht das. Aber dann geht es ans Abtrocknen und ans Haarenfönen. Fön mal so viel, so lange Haare. Das dauert! Und ich kann die Uhr danach stellen, dass nach einer gewissen Zeit, so gefühlte 7 Minuten, die Frage kommt: 


Papa, wie lange dauert das noch? 


Und meine Antwort ist genauso regelmäßig: 


Warte doch die Zeit ab!


Die Zeit abwarten. Gar nicht so einfach! Wenn man etwas erwartet. Wenn man doch fertig werden will, mit dem, was einen so stillsitzen läßt. Wenn man doch wieder loslegen möchte. Wenn man doch wieder am Leben teilhaben möchte. Der kleine Bruder könnte ja eventuell die Zeit überbrücken mit einer Sendung im Fernsehen. Möchte man ja auch gucken, oder? 


Wann sind wir endlich fertig? 


Warte doch die Zeit ab!


Die Zeit abwarten. Genau darum geht es hier im 1.Thessalonicherbrief. Die Zeit abzuwarten. Nicht mit Nichtstun. Sondern sie zu erwarten.


Und Paulus schreibt an seine Gemeinde: Ich brauch euch doch gar nichts von Zeiten und Stunden zu erzählen. Ihr wißt doch, dass der Tag Gottes kommt, ohne dass wir ihn berechnen können. So wie ein Dieb in der Nacht. Der wird schon kommen!


Abwarten!

Auch wir Erwachsenen - In den letzten 5, 6 Tagen hab ich dieses Abwarten zu Genüge in den Medien erlebt. Ihr vielleicht auch.


Da gab es eine Wahl am Dienstag. Und unsere Medien hätten am liebsten schon, dass gleich nachdem die Wahllokale geschlossen gewesen sind, das Ergebnis feststeht. Und man hat schon hin und her analysiert, wie knapp das wird. Und warum das so knapp ist. Und - man konnte die Zeit nicht abwarten. Man konnte nicht abwarten, dass das, was getan werden muss, doch getan wird. Nämlich alles zu zählen. Von Anfang bis Ende. 


Die Zeit abwarten können. 


Am liebsten hätte man ja schon die exklusive Meldung für sich allein gehabt.


Und dann werden da Analysen getätigt. Und nach zwei Tagen ruderte man mit den Analysen so langsam zurück. Und am Ende? 


So habe ich es zumindest erlebt: Ging bei vielen ein Freudengefühl - durch den Kopf und durch das Herz und brach sich Bahn.


Zeit abwarten!


Kennen wir als Erwachsne auch. Und wir brauchen Regeln - Regelhaftigkeit. Wir brauchen feste Abläufe. Wir brauchen etwas, worauf wir uns verlassen können: Darauf, dass die Sonne wieder aufgeht. Dass eine Nacht nicht endlos ist. Wir brauchen die Hoffnung, dass etwas in unserem Leben, was uns schwer auf dem Magen liegt, nicht immer und ewig bleiben wird. Und wir brauchen die Perspektive, dass solche Situationen in unserem Leben so einsortiert sind, dass sie uns nicht mehr so bedrohlich sind, wie sie gegenwärtig sind.


Aber unsere Zeiteinteilung ist eine Zeiteinteilung im Hier - und im Jetzt. 


Wir teilen unsere Zeit, glaube ich, nicht mehr danach ein, ob Morgen eventuell der Tag Gottes käme. 


Und wenn ich die Evangelien anschaue, wenn ich Jesusgeschichten lesen und darüber nachdenke, dann scheint mir zwischen der Erwartung des zukünftigen Tages, der da kommen soll und dem, der da schon gekommen ist, ein kleiner aber feiner Unterschied zu sein. Denn der Tag - die Zeit Gottes - ist doch längst angebrochen. 


Und Jesus hat in den Evangelien oft Worte fallen lassen, die darauf hindeuten, dass es hier und jetzt ist. Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Und selbst dem Räuber am Kreuz, der von Jesus gebeten hat: Ah, nimmst du mich mit ins Paradies? Da kommt schon die Ansage, du wirst mit mir da sein!


Da wird nichts in die Zukunft verschoben und nichts projektiert auf den St.Nimmerleinstag! Ihr Lieben, das scheint mir wichtig zu sein: Dass Gott gegenwärtig ist. Und nicht erst kommen will. Er ist gekommen! Er ist präsent!


Wo? Jetzt! Wann? Jetzt! Hier und jetzt! In unserer Gegenwart. Die ist ja nicht gottlos! Auch wenn viele diese Vokabeln bemühen: Dass viel Treiben uns Menschen gottlos sei!


Paulus rät seinen Thessanonichern an: Seid wachsam! Seid nüchtern! Damit ihr den Tag Gottes nicht verpasst. 


Ich glaube, wir müssen das anders verstehen: Seid wachsam und nüchtern, damit ihr die Gegenwart eures Lebens gestalten könnt. Schlaft nicht weg! Vertreibt euch eure Gedanken nicht mit ewiger Zugedröhntheit. Bleibt nüchtern! Bleibt sachlich! nÜbertreibt doch nicht andauernd.


Seht die Dinge, seht das Lebens, wir es wirklich ist.


Und dann zieht Paulus seinen Gemeindegliedern noch eine Rüstung an: Ihr seid Kinder des Lichts. Aber dann stülpt er dem Licht eine Rüstung über. Als ob wir im Krieg wären. Als ob wir das Licht in uns so einrüsten müssten, damit es ja von der Dunkelheit nicht umfangen wird. 


Habt ihr schonmal eine Kerze unter einen Eimer gestellt? Ich meine den umgestülpten Eimer über die Kerze. Die wird nicht lange leuchten! Und sie wird auch die Dunkelheit nicht irgendwie beeindrucken. Man kann über das, was notwendig ist, nicht die Schutzrüstung und den Helm anziehen. 


Das war auch nicht der Weg Jesu. 


Da ist kein wohlgeschützter Mann gekommen und hat hat von Gott erzählt. Hat von der Liebe erzählt. Der hat sich nicht eingepackt in eine Armee. Der ist gekommen mit der einzigen Waffe, die ihm zur Verfügung stand. Die Liebe! Worte der Liebe, Taten der Liebe. Heilung! Verzeihen! Annehmen! Feinde einladen. Sündern vergeben. Wehrlos sein. Am Kreuz ohnmächtig das Sterben, das Leiden auf sich nehmen.


Der Weg Gottes, das Leben Gottes, so wie ich es aus der Bibel verstehe, ist eben nicht hochgezüchtet und hochgerüstet. Es will Licht sein! Liebe! 


Leben!


Aber nicht Leben, das den Leidensweg negiert sondern Leben, dass das einbezieht. Das versucht zu heilen.


Heute Nacht habe ich ne Ahnung davon bekommen, dass solche Worte kräftig sein können. Ich hab son bisschen auf CNN die Reden mir angehört, die daran gehalten wurden. Und wie mächtig plötzlich ein Wort werden kann, ein Wort wie hope - Hoffnung! Oder ein Wort wie heil, Heilung oder ein Wort wie: Wir sind Gegner aber keine Feinde!


Plötzlich werden diese Worte wirkmächtig! 


Worte sind nicht Schall und Rauch, ihr Lieben. Nicht verdammen oder Gegnerschaften ausrufen, nicht Kriege führen mit Worten und mit Taten. 


Hand reichen! Ins Leben rufen! Rüstung ausziehen. Licht sein! Nicht scheinwirken!


Es geht um Lichtsein! Nicht um eine blankpoliere äußere Hülle!


Und wie kann man dem Dunkel am besten begegnen? Das kann ich euch jetzt gar nicht gut vormachen, weil die Kirche lichtdurchflutet ist. 


Aber ich kann euch das trotzdem zeigen.


Wie kann man dem Dunkeln am Besten begegnen? Kennt ich den Film Schindlers Liste? Wißt ihr, wie der anfängt?


(Kerze anzünden): So!


Und jetzt stellt euch vor, die Kirche wäre stockdunkel gewesen: Dieses eine Licht würde uns Orientierung geben. Dieses eine kleine Licht! Wo es echten Schein gibt, gibt es Wärme. Wo es echten Schein gibt, gibt es Orientierung. Wo es lebendig ist, gibt es Leben. Wo es nur Schein gibt und Rüstung, bleibt es dunkel.


Ihr seid das Licht der Welt! 


Das hat Jesus uns mitgegeben. Ihr seid es! Zündet es doch an. Ihr dürft das tun.


Selig sind, die Friedens stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Aber Friede will eben auch gestiftet werden. Der kommt nicht von allein. 

Und ein Licht leuchtet nicht von allein. Und ein Licht kann sich wie eine Kerze auch manchmal selbst dahingehen. 


Deshalb ist jede Kerze, die wir anzünden ein Christussymbol: Weil Liebe, Lichtsein, Leben auch immer etwas mit Hingabe zu tun hat. 


Wo wir hingebungsvoll leben, sehen wir auch von uns ab und geben uns hinein in das Leben, in das Menschsein, in die Situation, wo es manchmal auch knallt. Wo es auch unangenehm ist. Wo es auch manchmal wehtut. Und wo Worte schärfer sind als so manches Schwert und uns verletzen bis ins Innere. Das auszuhalten - nicht dasselbe dagegen zu setzen - sondern den Weg der Verständigung zu gehen. Der Liebe. Der Annahme. 


Ich glaube, dass Gott da mit uns unterwegs ist. Und dass wir die Rüstung, die Paulus seiner Gemeinde hier verordnet überhaupt nicht notwendig brauchen.


Die stärkste Rüstung unseres Lebens - ich glaube das wirklich - ist die Nacktheit!


Sich zeigen. Als Mensch. So - wie der am Kreuz. Das glaube ich wirklich. Wenn ich das nicht glauben würde, dann würde ich mir den Tag des Herrn liebe heute als morgen herbeiwünschen.


Aber so ist es nicht. Unser Leben, unser Sein auf dieser Erde ist und bleibt immer eine Entwicklung, bleibt immer ein Prozess. 


Und was wir in diesen Prozess einbringen, ist unsere Entscheidung. 


Wir können weiter die Ressourcen verballern, wir können aber auch sparsam werden. Wir können weiter aufeinander einhauen, wir können es aber auch lassen. Wir können weiter Mauern und Grenzen bauen, wir können aber auch die Hand reichen.


Und für mich ist das kein leeres Gerede, ihr Lieben. Ich meine das, was ich sage und ich versuch das tatsächlich auch im Leben unterzukriegen. 


Rüstung aus! Licht an! 


Das wünsche ich mir für uns. Für uns alle. Dass wir scheinen als Licht. Da ist Christus! Jetzt!


Amen