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Früherer Pastor in Ochsenwerder soll Jugendlichen zur Prostitution gedrängt haben

Spiegel 23.5.2026

Von Julia Jüttner


(C) Spiegel: 


https://www.spiegel.de/panorama/justiz/hamburg-frueherer-pastor-in-ochsenwerder-soll-jugendlichen-zur-prostitution-gedraengt-haben-a-7632e85d-a63e-4da4-b138-7b7646ed3b65


Der Weg in menschliche Abgründe führt in den Südosten Hamburgs, in die Marschlandschaft an der Elbe. Vorbei an holzgeschnitzten Schildern, die zu Hofläden führen, und Ständen mit frischen Blumen. Eine Gegend voller Vertrauen. Geld für einen Strauß wirft man in eine Blechbüchse. Haustüren stehen offen.

Der Ort hier heißt Ochsenwerder, weil hier früher Ochsen weideten. Es ist einer der ländlichsten Stadtteile der Hansestadt. Wer hier wohnt, hat viel Platz und großen Abstand zum Nachbarn. Auf 14 Quadratkilometern leben rund 3000 Menschen ihr eigenes Idyll, fern von Großstadtspektakel, Glamour und Gosse. »Op’n Dörp«, so heißt das hier. Auf dem Dorf.


»Aus heiterem Himmel«


An einem Freitag im Juni vergangenen Jahres steht Michael Ostendorf gegen Mittag in Ochsenwerder vor der Schule, so erzählt er es heute. Er will seine Kinder abholen. Seit mehr als 30 Jahren ist er Pastor. Ein gewinnender, zugewandter Mensch, Vater von vier Kindern.


Sein Handy klingelt. Ein Journalist will wissen, was er zu dem Missbrauchsfall sage. »Worum geht es? Was ist los?«, fragt Ostendorf. Danach habe er sich Vorwürfe anhören müssen, weil er nichts sagte. »Aber ich konnte nichts sagen. Ich wusste von nichts.« Er legt damals auf und ruft im Kirchenkreis Hamburg-Ost an, bei der nächsthöheren Ebene. Auch die hätten von nichts gewusst.

Am nächsten Tag berichtet das »Hamburger Abendblatt«: Der frühere Pastor von Ochsenwerder, Herr M., stehe unter Verdacht, während seiner Amtszeit dort einen Jugendlichen sexuell missbraucht zu haben. Zu diesem Zeitpunkt ist Herr M. längst weg. Ostendorf ist damals Pastor einer Nachbargemeinde, heute ist er auch für Ochsenwerder zuständig.


»Es kam aus heiterem Himmel«, sagt Ostendorf, lehnt sich zurück und schiebt seine Brille zurecht. »Ich heiße Michael. Die meisten Leute haben mich bombardiert mit Anrufen, was ich denn getan hätte und was für ein Schwein ich doch sei.« Es habe ihn Mühe gekostet, klarzustellen, dass mit der Abkürzung der Nachname des Kollegen gemeint sei – und nicht er, Michael Ostendorf.

Es ist ein Fall, der verstört. Nicht nur, weil Missbrauch ein widerwärtiges Verbrechen ist. Sondern auch, weil die vorgeworfenen Taten mutmaßlich von einem Mann begangen worden sein sollen, der qua Amt für Nächstenliebe und Menschlichkeit steht. Stehen sollte.


»Sexuelle Dienste«


Landgericht Hamburg, zweiter Stock, Anfang Mai. Über die Gänge hastet ein Mann, kariertes Tweedsakko, darunter ein hellblaues Hemd, Jeans. Eine Schiebermütze verdeckt die dunkelbraun umrandete Brille und ein freundliches Gesicht. Der Mann huscht in den Saal 337, einen der größten im Strafjustizgebäude, setzt sich auf den Platz, der für Angeklagte vorgesehen ist, und wartet auf seinen Verteidiger. Auf der Terminrolle, die neben der Saaltür hängt, steht sein Name: Pastor M.


Die Staatsanwältin trägt die Vorwürfe in nüchternem Tonfall vor. Pastor M. habe Ende März 2022 einen Jungen, damals 15, zweimal missbraucht, im Pfarrhaus der Kirchengemeinde in Hamburg-Ochsenwerder und in seinem Auto. Ende April 2022 soll der Jugendliche zudem auf Wunsch des Pastors und in dessen Beisein mit einer Transfrau Sex gehabt haben.


»Für uns gab es keinen Hinweis auf irgendwelche körperlichen Übergriffe, schon gar nicht sexualisierter Gewalt.«, Michael Ostendorf, Pastor


Eingefädelt haben soll die drei Treffen der Vater des Jungen. Im Juli 2025 wurde der Vater zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wegen der Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger sowie der Beihilfe sexuellen Missbrauchs Jugendlicher. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.


Die Große Strafkammer stellte fest, dass der Vater den Missbrauch seines Kindes gefördert und selbst davon profitiert habe, weil er den 15-Jährigen zu den Treffen gefahren und Geld in Empfang genommen habe. 2800 Euro soll der Pastor für »sexuelle Dienste« mit dem Jungen gezahlt haben; für das Zusammentreffen mit der trans Frau habe der Diener Gottes demnach 1000 Euro draufgelegt.


Im Prozess gegen den Vater stützten Chats und Videos die Vorwürfe, sie sollen nun auch in dem Prozess gegen den Pastor Beweismittel sein. Auf seinem Handy und seinem Tablet fanden Ermittler im Pfarrhaus in Ochsenwerder außerdem Bilddateien jugend- und kinderpornografischen Inhalts.


Herr M. sitzt stumm vor Gericht. Er habe nun Gelegenheit, etwas zu den Vorwürfen zu sagen, sagt der Vorsitzende Richter. »Nee, jetzt noch nicht«, sagt der 64-Jährige. Erster Zeuge ist der Jugendliche, mittlerweile 19 Jahre alt. Für seine Befragung wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen, weil es um intime Details geht. Auch andere Zeugen werden hinter geschlossenen Türen vernommen.


»Geschnacke«


Ochsenwerder, ein Tag im Mai. Keine Wolke trübt den Himmel, Schafe grasen auf dem Deich. Unter bunten Sonnenschirmen faulenzen Camper am Ufer des Hohendeicher Sees. Fahrradfahrer durchkreuzen die Region, aus der viele Hamburger ihr Gemüse in einer Abokiste beziehen.

Die St. Pankratiuskirche liegt am Rand einer alten Siedlung, auf einem Hügel, sie stammt aus dem Jahr 1674, ist umgeben von Gräbern und einer 800 Jahre alten Eibe. Gegenüber liegt das denkmalgeschützte Pfarrhaus, ein vor fast 400 Jahren errichtetes Fachwerkhaus mit weißen Holzbalken und Kassettentür in Blaugrün. Acht Jahre lang war es die Dienststelle von Pastor M., er lebte dort auch mit seinem Ehemann.


Anfangs war M. offenbar skeptisch, ob die Leute ihn, den homosexuellen Pastor, akzeptieren würden. So sagte er es 2016, zu seinem Amtsantritt, dem »Hamburger Abendblatt«. Er kannte die Marschlande, ab 2006 vertrat er dort Kollegen. Das »Geschnacke«, die Gerüchteküche, sei durchaus anstrengend, bemerkte er. Über die »vielen jungen Menschen« in seinen Gottesdiensten hingegen freue er sich. Sätze, die im Rückblick nachhallen.


»Ein Pastor wurde Täter! Ich bin Pastor!«


Sein Ende in der Gemeinde kommt abrupt. Im Jahr 2022 hätte es einen »Zwist« gegeben, sagt Nachfolger Ostendorf, der damals noch eine Nachbargemeinde führte. Es sei »um die Ausrichtung der Gemeindearbeit, um das Miteinander« gegangen. Pastor M. habe sich krankgemeldet, über Monate. Zum 1. Januar 2023 habe er die Gemeinde »auf eigenen Wunsch« verlassen, ohne Abschiedsfeier.


Nach dem Anruf des Journalisten im Sommer 2025 ist es Nachfolger Ostendorf, der nun plötzlich Erklärungen liefern soll. Zunächst erfährt er, dass die Kirche Pastor M. bereits drei Monate zuvor von seinem Posten suspendiert hat, im März 2025. Auch ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet. Die oberste Ebene, die Nordkirche, aber informierte zunächst weder Gemeinde noch Kirchenkreis – angeblich aus datenschutzrechtlichen Gründen.


Ostendorf informiert die Kirchengemeinderäte, der Kirchenkreis schickt ein Kriseninterventions- und Präventionsteam. Ostendorf spricht das Thema in Ochsenwerder offen an, so erzählt er es. Bietet seelsorgerischen Beistand für mögliche weitere Betroffene, für Zeuginnen und Zeugen, aber auch für die, »die einfach nur erschüttert sind, dass so etwas bei uns passiert ist«. Er selbst ist es auch, entsetzt, bestürzt. »Ein Pastor wurde Täter! Ich bin Pastor! Ein Kollege! Ich war Kollege!«, schreibt er. Noch heute sind seine Worte im Internet zu finden.


Bei Gesprächen für eine Trauung, eine Taufe oder für eine Beerdigung, beim Seniorentreff – oft sei Pastor M. noch Thema, sagt Ostendorf. Auch frühere Konfirmanden hätten Redebedarf. Allerdings: Der Konflikt, der die Gemeinde zu Pastor M.s Zeiten in zwei Lager geteilt habe, habe nichts mit den Vorwürfen zu tun gehabt, sagt Ostendorf. Das sei ihm wichtig zu betonen. »Für uns gab es keinen Hinweis auf irgendwelche körperlichen Übergriffe, schon gar nicht sexualisierter Gewalt.«


»Siehst du, es hat sich gelohnt, artig zu sein.«


Der Junge, der nicht aus Ochsenwerder stammt, vertraute sich bereits Ende Juni 2022 seiner Mutter an. Noch am selben Tag geht sie zur Polizei. Die Beamten finden heraus: Der Vater bot sich offenbar seit Jahren selbst für sexuelle Dienste auf einer Internetplattform an. Wie der Kontakt zwischen Vater und Pastor zustande kam, ist unklar.


Im Prozess gegen den Vater geht es auch um eine Nachricht, die der Pastor dem Vater im Dezember 2021 schreibt: »Wenn du mochtest, können für morgen über die konfirmation deines sohnes sprechen.« Stattdessen verhandeln sie über die sexuellen Wünsche des Pastors. Zwei Tage später schickt der Vater ihm ein Video seines Sohnes, auf dem der Junge sexuelle Handlungen an sich selbst vornimmt. Es ist offenbar der Beginn eines perversen Geschäftsmodells.


Übergriff in einem Waldstück


Im März 2022 soll der Vater mit dem Sohn den Pastor in Ochsenwerder getroffen haben. Im Prozess gegen den Vater sagt der Sohn, M. habe ihm zunächst die Kirche gezeigt. Dort habe er, der Sohn, Klavier gespielt. Zu dritt seien sie dann ins Pfarrhaus gegangen.


Im Erdgeschoss soll ihm M. 100 Euro in die Hand gedrückt und noch mehr Geld in Aussicht gestellt haben – wenn er, der Pastor, an ihm »rumspielen« dürfe, sagt der Sohn bei der polizeilichen Vernehmung aus. Anschließend soll er im Beisein des Vaters im Schlafzimmer des Pastors im ersten Stock sexuell missbraucht worden sein. Auch beim zweiten mutmaßlichen Übergriff des Pastors, auf der Rückbank seines Autos in einem Waldstück, soll der Vater dabei gewesen sein.


Wenig später, in einer Nacht im April 2022, soll der Vater seinen Sohn zur Reeperbahn gebracht haben, vor einem Hochhaus habe der Pastor sie erwartet. Zu dritt seien sie in die Wohnung einer trans Frau gegangen. Er habe nicht gewusst, so sagte es der Sohn aus, dass es sich bei der Frau um eine als Mann geborene Person gehandelt habe. Während der Pastor angeblich zusah, wie der Junge mit der trans Frau Geschlechtsverkehr hatte, wartete der Vater in einem anderen Zimmer.


»Wir wollen und werden nichts unter den Teppich kehren.«, Remmer Koch, Sprecher Kirchenkreis Ost


Nach Auswertung von Chatnachrichten und E-Mails soll Pastor M. den Jungen motiviert haben, sich als »Escort« über eine Internetplattform zu prostituieren. Damit könne er »richtig Geld machen«. Im Mai 2022 schrieb der Pastor dem Jungen laut Gerichtsakten: »Mach, was der Papa sagt.« Und: »Siehst du, es hat sich gelohnt, artig zu sein.« Der Verteidiger von Pastor M. ließ eine SPIEGEL-Anfrage zu sämtlichen Vorwürfen unbeantwortet.


Schwer verständlich erscheint, dass Pastor M. nach Beginn der Ermittlungen noch etwa zweieinhalb Jahre in der Nordkirche arbeitete. Ein Sprecher des Kirchenkreises räumte ein, M. habe von Anfang 2023 an bis zu seiner Suspendierung als Vertretungspastor gearbeitet. Er habe »in zeitweise personell nicht gut besetzten Gemeinden klassische Aufgaben eines Pastors für kürzere Zeiträume übernommen«. Es sei »gut möglich«, dass er auch Gottesdienste gehalten habe. Die Kirche habe vor März 2025 von allem nichts gewusst.


Schock verdrängt


Wenige Tage vor Beginn des Prozesses gegen Pastor M. sitzt Michael Ostendorf in einem Konferenzraum in Hamburg-St. Georg, ihm gegenüber der Kirchenkreissprecher Remmer Koch. Es solle nicht nach Eigenlob klingen, sagt der Sprecher, aber: »Wir sind weit vorne mit der Präventionsarbeit und Schutzkonzepten.« Umso erschütternder seien die Vorwürfe, die zeigen würden, dass doch keine »100-prozentige Sicherheit« garantiert werden könne.


»Wir wollen und werden nichts unter den Teppich kehren«, sagt Kirchenkreissprecher Koch. Während des Prozesses ruht das Disziplinarverfahren gegen M. Danach werde der Fall durch den Dienstherrn, die Nordkirche, noch einmal bewertet.


Michael Ostendorf nickt zustimmend. Er wisse nicht, was der Prozess gegen M. in Ochsenwerder auslösen werde. Eigentlich habe die Gemeinde den Schock »zunächst gut verarbeitet«, sagt er. »Aber irgendwie auch verdrängt.«

Am Freitag verurteilte die Große Strafkammer Pastor M. zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und 9 Monaten, ausgesetzt zur Bewährung. Von den Vorwürfen, den damals 15-Jährigen in seinem Auto sexuell missbraucht und ihn zum Geschlechtsverkehr mit einer trans Frau gedrängt zu haben, sprach sie ihn frei. Aus Mangel an Beweisen.